Im letzten Beitrag habe ich Karl König erwähnt, den Gründer der Camphill Lebensgemeinschaften für Menschen mit Behinderungen. Während meines Heilpädagogik Studiums hatte ich Gelegenheit, sieben wundervolle Wochen Teil der Camphill Community Triform in Hudson, Upstate New York zu sein. So ist’s gewesen:

Praktikumsbericht – Sommer 2014

Noch nie habe ich in einer so großen Gemeinschaft gelebt, wie dort. Da waren zuerst alle Menschen aus den Häusern: Oona, meinem ers­ten Haus, sowie die Bewohner von Tourmaline, Anatos, Farmview und Woodland. Später flogen diese Menschen aus, in den Ur­laub, zu ihren Familien. Die anderen kehrten zurück, nach Orenda, Anthea, Halcyon, meinem zweiten und Christofferus meinem dritten Haus. Pünktlich zum Labourday, am 1. September, zum letzten Tag der Sommerferien, war die Gemeinschaft wieder komplett. 100 Menschen. Annabelle ist zwei, sie ist die Jüngste. Die Ältesten sind über sechzig, drei werden es sein. Diesen Spät­sommertag feierten wir alle zusammen am Pavillon auf dem Stewardship mit Spielen und Volkstanz, Akkordeon und Geigenklang, Singen, Lachen und Schmausen.

Während des Sommers kamen neue Co-Worker. Und jeder Neue merkt, dass hier etwas besonders ist. Was es ist? Ich versuche, es zu beschreiben.

Eine Stunde nach unserer Ankunft, hatte meine Hausmutter Virginia uns das gepflegt waldig-parkartige Gelände gezeigt. Meinem Mann und mir. Denn unser gemeinsamer Urlaub endete an dieser Stelle. Nach der Führung verabschiedete sich Virginia mit den Worten „I need to do a job in the weavery. Please, make yourself a home.“

Da waren wir alleine, in einem gemütlichen Holzhaus von Fremden. Ich war nicht weniger verlegen als erfreut. Wir waren willkommen. Und machten uns Mittagessen. Jeder ist hier willkommen, das konnte ich sieben Wochen lang erleben. Das ist Triform. Die Camphill Community für ca. 50 junge Erwachse­ne (Students), mit intellectual and learning disabilities. Sie machen hier ihre Ausbildung.

Wir Co-Worker aus aller Welt gehören zum Konzept. Die meisten bleiben ein Jahr. Während die Hauseltern die Häuser führen, die Arbeitsbereiche leiten und Organisations- und Verwaltungsaufgaben übernehmen, machen wir Co-Worker dasselbe wie die Students, Seite an Seite.

Ich fühlte mich als Teil einer Peergroup. Mit jedem, mit dem ich Zeit verbrachte, bildete sich eine individuelle, freundschaftliche und persönliche Beziehung. Ich fühlte mich selbst ge­schätzt und durfte meine Students, Co-Worker und Houseparents mit ihren Besonderheiten kennen und schätzen lernen. Ich unterstütze sie und fühlte mich von ihnen unterstützt. Noch nie habe ich so viele unbe­schwerte, offene, interessierte und humorvolle Menschen an einem Ort erlebt.

In den neun Häusern le­ben wir als Hausgemeinschaften: Students, Houseparents mit ihren Kindern und mindestens zwei Co-Workern. Wir teilen Bad, Tisch und Wischmob, machen Frühstück und gehen morgens um 9 Uhr in unseren Arbeitsbe­reich. Davor trifft sich die gesamte Community auf einer Wiese vor dem Garten im Kreis für day announcements und ein gemeinsames Lied.

Während der Ferien ruhte die Arbeit in der Pottery, von deren Geschirr wir täglich aßen und tranken, der Weavery, auf deren Platzdeckchen unsere Teller standen und der Bakery. Aber nicht ruhte die Arbeit im Gemü­segarten, der Pantry und der (Milch-) Farm.

Die Bakery nutzte die Kochcrew zum Zubereiten des common lunchs. Die Zutaten für das Essen lieferte die Garten-Gruppe. Die Estate-Gruppe mähte das Gras (das hält das Ze­ckenrisiko geringer). Sie besserte Zäune aus (einmal sind die Schafe entwischt), stutzte außerdem Hecken und fällte Bäume.

Mittags gab es das common lunch auf der Wiese unter den Bäumen vor Falcon Hall um 12:30 Uhr. Im Kreis stehend hörten wir, was die Köche gekocht hatten, fassten uns an den Händen und sangen ein grace. Spä­ter spülten wir unser Geschirr zu Hause und hielten resthour.

Um 14:30 Uhr begann unsere afternoon activity. Jeden Tag gabt es mehrere Gruppen, die Unterschiedliches unternahmen. Wir gingen in zahlrei­chen Seen schwimmen. Das Schwimm-Highlight war allerdings der Floom Zoom Wasserpark.

Wir schwammen natürlich nicht nur. Außerdem lieferten wir growovers aus dem Demeter Garten an ein Geschäft aus. Wir legten Gurken und Bohnen selbst ein, machten Sauerkraut, Hustensaft und Lippenbalsam, gingen Spazieren, machten ein Gedicht-Buch, brachten Ordnung in den Vorratsraum der Bakery, räumten Ware in die Pantry, putzen freitags das Haus u.v.m.

Um 17:00 Uhr kamen wir nach Hause zurück. Jeder hatte einmal Abendbrotdienst. Um 18:00 Uhr saßen wir in Christofferus zu dreizehnt um den runden Tisch. Blumen standen darauf, eine Kerze wurde angezündet, ein grace gesungen und gespeist.

Um 20:00 Uhr ist die Kerze gelöscht, das Abendbrot abgeräumt, das Geschirr sauber und der Boden gefegt. Der Frühstückstisch ist gedeckt, das Oatmeal eingelegt, der compostbucket geleert, die Wäsche abgehängt… und dann ist wieder ein erlebnisreicher Tag zu Ende.

Erfüllt, müde und zufrieden sage ich abends zu einem Student: „Bye bye“ und “good night“. „See you tomorrow, Judith?“ „Tomorrow is my day off Erik. I will see you Wednesday.“ „See you on Wednesday.“

Ich muss sagen, dass Triform mich herausgefordert hat. Hier wurde ich gesehen, mit allem was ich so an mir habe… Und geschätzt. Ich habe mich eingelassen auf das Neue. War ganz da. Es gab keinerlei Hast. Ich habe in neuen Beziehungen ge­lebt und die einzigartigen Menschen freudevoll lieb gewonnen. Es war schönste soziale Kunst für mich mit ihnen jeden Tag einen neuen Tanz von Führen und Geführtwerden zu probieren. Dieser gemeinsame Prozess hat mich verändert. Ich bin vertrauensvoller für die Zukunft geworden, gelassener und zufriedener.

An dieser Stelle möchte ich auch meiner Hochschule herzlich danken dafür, dass sie ein Praktikum von mir verlangte und mich zudem dabei finanziell unterstützt hat!

Noch einige Bemerkungen zum Schluss:

Unter diesem Link können Sie ein Video über das Leben in Triform aufrufen. Und noch ein Link zum 50 jährigen Jubiläum von Camphill world wide, weil es so schön ist.

Des Weiteren bieten sich Camphill Communities hervorragend für junge Menschen nach dem Schulabschluss für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ)  an. Camphill Gemeinschaften gibt es weltweit. Sie können ergoogelt werden. In Deutschland vermitteln und betreuen die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners und EOS-Erlebnispädagogik e. V. FSJ-ler an die Einrichtungen. Zwei Berichte von FSJ-lern aus Deutschland gibt es hier und hier zu lesen und hier einen zum schauen.