Ich fand mich im Rätsel der Zeit wieder, als ich mit meinem Dienst-Fahrrad von Patient zu Patient durch Kölns Straßen brauste und den Touren-Plan abarbeitete. In der Ambulanten Pflege sind die Zeiten pro Patient und Kilometer knapp bemessen. Ich befand mich in einem raschen Wechsel von behutsamen Bewegungen und Berührungen in tropisch feuchter Badezimmerumgebung, Hautlotionen-Duft in der Nase mit Kompressions-Strümpfen, Blutzucker-Stixen und Tabletten-Blistern hantierend und einem starken Kräftespiel der Muskeln auf dem Rad, dem Surren der Reifen auf dem Asphalt, durch knatternden Straßenverkehr, umgeben von leuchtenden Hausfassaden, Himmel-, Licht- und Laubveränderungen. Ich war wach, lebendig, meine Sinne hell, die Wahrnehmungen intensiv. Jeder Weg hatte seine Eigenart. Jedes Haus seine Atmosphäre. Jede Wohnung ihren Geruch. Alles in meinem Gefühl geprägt von der Individualität und ihrer Stimmung zu der ich gerade auf dem Weg war.

Oft habe ich es erlebt, dass ich in eine Wohnung zu einer alten Dame oder einem alten Herrn kam und sich etwas ergab, dass weder zeitlich noch räumlich war, obwohl es sich doch in der Räumlichkeit und Zeitlichkeit abspielte!

Zurück am Fahrrad überraschte mich dann der Blick auf die Uhr, dass nur fünf Minuten vergangen waren! Wie konnte das sein? Ich hatte in der Zwischenzeit so viel erlebt! Es war das Tor, das wir in der Begegnung gefunden hatten und durchschritten, das hinter Zeit und Raum führte. Dorthin, wo der Ursprung der Weile, der Ruhe und des Erlebens ist. Konzentriert arbeitend, hatte ich gleichzeitig in der Ewigkeit gestanden! Und, das Fahrradschloss öffnend nahm ich mir vor, mir das Staunen-Können über solche Wunder als Schatz zu bewahren! Es schien die Schwelle zu weiterer Erkenntnis zu sein, über die schon ein Ahnen hinüberweht.

Diese Erlebnisse waren sehr erfüllend und ich liebte meine Arbeit sehr. Aber sie schwanden in dem Maße, in dem eine Müdigkeit zunahm. Genügend Erholungszeit zur Einkehr bei mir selbst ließ die Personalsituation nicht zu, so dass das verbliebene bisschen Kraft mit der Erledigung der äußeren Notwendigkeiten erschöpft war. Wie soll man so noch einen klaren Gedanken fassen können? Seine Erlebnisse sortieren? Seine Fragen formulieren? Sich ein Bild von sich selbst und seinem Verflochtensein mit dem Leben machen? Auf der Arbeit wurde ich so zur Getriebenen der Stech-Uhr. Mühte mich ab und hastete den Aufgaben hinterher. Das Tor, das heilige, war nicht mehr zu finden. Und mein eigenes Haus fing an zu bröckeln. „Das darf doch nicht sein!“ – traurig, erschöpft und auch verärgert, denn ich machte es doch eigentlich gerne (!), quittierte ich den Dienst.

Zwölf Jahre später fand ich mich als Pädagogin im Waldorfkindergarten wieder.

Ich schreibe davon, weil ich glaube, dass viele Eltern das erleben, dass das äußere Leben das Innere verschlingt und das Tor zur Fülle verschwunden oder verammelt ist. Und viele Eltern sich so sehr mehr von einer anderen Qualität der Beziehung mit ihren Kindern wünschen. Und sie auch erleben, dass das die Sehnsucht ihrer Kinder ist: Zusammen mit Papa oder Mama, am besten beiden, hinter dem geheimnisvollen Tor das Leben zu teilen.

Ich glaube, wir sind dazu auf der Erde, um dieses Tor im Leben wiederzufinden – und einander dabei zu helfen.

Frohe Ostern!