Haben Sie sich einmal zurück erinnert und bemerkt, wie der Sinn einiger Wörter sich für Sie als Kind plötzlich erschlossen hat? Dass Sie vorher nur ihren Klang, Rhythmus und ihre Melodie hatten? Sie wussten, was sie benennen, hatten aber keine Einsicht in ihren Sinn?

Bei mir war es mit „Nesthäkchen“ so. Ich hatte verstanden, dass man mit diesem Wort das jüngsten Kind der Familie bezeichnen kann. Aber ich hatte keine Einsicht in seinen Sinn. Ich hatte nur den Klang des Wortes. Erst als ich es irgendwo las, erkannte ich, dass es sich um ein Häkchen handelt und ein Nest. Das Häkchen hängt noch am Nest fest! Da steckt ja eine ganze Geschichte in einem Begriff!

Warum wir, wenn man sich verabschiedet „Au-wiedersehen“ sagt, verstand ich auch erst, als ich es las. Es heißt nämlich Auf-Wiedersehen! Wir drücken also unsere Hoffnung auf ein Wiedersehen aus! So ist das nämlich.

Und bei „Tamen-unt-Terren“, was immer zu Beginn einer Rede gesagt wird, beginnend mit „Meine sehr geehrten“.

„Ein-Band-Straße“ hatte ich als gegeben hingenommen. Obwohl ich es schon komisch fand. Nur ein Band eben. Wären es zwei, könnten die Autos in beide Richtungen fahren. Aber warum Band? Bis ich einmal buchstabierend vor dem Schild stand und sah, dass dort gar nicht „-BAND-„, sondern „BAHN“ zu lesen war. Achso! Ja, klar! Jetzt ergibt es einen wirklichen Sinn!

In der Schule, es war eine Waldorfschule, hatten wir von Anfang an Fremdsprachenunterricht. Aber so, dass wir die Sprache durch Lieder, Spiele und Reime aufnahmen. Kein Vokabeln- oder Grammatiklernen. Einfach Eintauchen in die Sprachfreude und uns aktiv in ihren Klang, ihre Melodie und ihren Rhythmus hinein begeben.

Ich liebte das. Und wusste auch, worum es inhaltlich jeweils ging, das hatten unsere Lehrer uns gesagt. Die Begriffe selbst, verstand ich noch nicht.

Es entstand auf diese Weise ein Repertoire von Liedern, Geschichten und Gedichten. Ihre Rhythmen, Klänge und Melodien kamen in mir zum Leben. Oder: Ich tauchte in das Ihre ein. Beides. Es war ein Klang-Fluss. Ganz real. Er lebt als Wesen unter den Begriffen und trägt sie.

Irgendwann als Jugendliche, trug ich meiner Freundin einen Spruch aus dem Englischunterricht der dritten Klasse vor. Dabei erlebte ich etwas Erstaunliches!

Ich sagte ihn einfach so, wie ich ihn in mir hatte, ließ diesen melodiösen Sprachfluss ertönen. Hörte alles wie früher. Danach hielt ich inne… Warte mal, aus welchen Wörtern besteht der Spruch eigentlich? Ich sagte ihn mir nochmal vor – und erkannte und verstand nun jedes einzelne Wort seinem Inhalte nach!

Doctor Foster went to Gloucester
In a shower of rain,
He stepped into a puddle,
Right up to his middle,
And never went there again.

Miraculous! Ich switchte mehrmals hin und her mit meiner Wahrnehmung. Hörte beim Sprechen abwechselnd mal die Klangseite, mal die Sinnseite. Und es wurde zunehmend schwerer, nachdem der Sinn einmal „eingeschnappt“ war, wieder zurück zu den sinnlichen Phänomenen zu kommen.

Mich interessieren die sprachlichen Phänomene sehr. Versuchte seither Sprachen abzüglich ihres begrifflichen Sinngehalts wahrzunehmen. Die Farbigkeit und Muster ihrer Klangteppiche zu hören. Bahnhöfe eignen sich dazu oder im Saal, bevor das Konzert beginnt, man kann es überall tun, wo gesprochen wird. Und sie unterscheiden sich so sehr, je nach Land! Oder Anlass!

Bei unbekannten Sprachen ist das natürlich leicht, da sind die Phänomene das Einzige, das man hat. Bei der Muttersprache ist es hingegen schwer, weil der Sinn so mächtig ist, dass er die Phänomene gewaltig aus der Wahrnehmung zurück drängt.

Im ersten Jahr meiner Tätigkeit im Kindergarten ist mir bei einem Mädchen, sie war noch nicht drei Jahre alt und hatte gerade erst angefangen zu sprechen, aufgefallen, dass sie genau so Sprechen lernte. Sie artikulierte noch nicht einzelne Wörter. Sie ahmte die Sprachmelodie und den Rhythmus nach und versah sie mit den entsprechenden Vokalen und nur sehr wenigen  Konsonanten. Sie hatte erkannt, dass sie, wenn sie diese Klang-Rhythmus-Melodie am Essenstisch hervorbringt, etwas zu trinken bekommt. Usw.

An dieser Beobachtung leuchtete mir strahlend klar ein, warum Wiederholung absolut grundlegend für das kindliche Lernen ist! In unserem Kindergarten machen wir fast alles, bis auf das Freispiel, ritualisiert. Ich verstehe es als Liebestat für die Kinder.

Seit dieser Beobachtung bei dem Mädchen, verfolge ich mit großem Interesse, wie kleine Kinder ihre Sprache herausarbeiten. Sie modellieren sie aus dem sie umgebenden Sprach-Klang-Untergrund heraus. Es gleicht einem Relief, aus dem die einzelnen Figuren im Laufe der Zeit immer konturierter hervortreten.