…dann zieht man es an. Ist Ihnen das auch aufgefallen?

Krankenschwester werden zu wollen, wurde der Zehnjährigen, die ich war, zum Ideal. Alles, was mir damals schwer fiel, betrachtete ich im Hinblick auf die Fähigkeiten, die ich in einer Krankenschwester versammelt sah. In Büchern eine bestimmte Seitenzahl zu finden oder im Lexikon das gesuchte Wort, war für mich nicht leicht, sogar mit leiser Angst verbunden. Ich machte mir Druck, dass ich es schneller können müsste und hörte den inneren Kritiker mit mir schimpfen. Trotz wäre eine mögliche Reaktion darauf gewesen und es einfach sein zu lassen. Dann war da aber das Bild der Krankenschwester, dem ich all meine wärmste Verehrung entgegenbrachte. Ich sah sie vor meinem inneren Auge den Medikamentenschrank öffnen und mit sicherem Griff unter den alphabetisch geordneten Fläschchen, die richtige herausgreifen. Im Notfall müsste es auch sehr schnell gehen! Dadurch fiel mir der Umgang mit Zahlen und Buchstaben nicht leichter, aber ich kehrte ihnen nicht den Rücken zu, die Beziehung zu Buchstaben und Zahlen blieb warm.

Später als Krankenschwester fiel mir etwas auf: ohne es zu merken, war in mir eine Fähigkeit gewachsen. Ich erinnerte mich, wie ich damals in der Ausbildug die Umsichtigkeit der Examinierten bewunderte: Sie packten sich, bevor sie ins Patientenzimmer gingen, kleine weiße Tabletts, da war dann alles drauf, was sie brauchten. Sie mussten nicht hundertfache hin- und herrennen, was für mich ganz normal war. Ich erinnerte mich daran, wie mich ein Strom der Verehrung durchzog, als ich im Stationszimmer eine Schwester sah, die ihr Tablett bestückte. Ich hatte ihre Orientiertheit wahrgenommen, über die ich noch nicht verfügte. Sie wusste, was sie brauchte und wo sie es fand.

Wenn man als Erwachsener darauf schaut, ist das vielleicht nichts sehr Bemerkenswertes. Für mich war es das damals schon. Und als ich mich also an dieses Ereignis erinnerte und es mit mir selbst abglich, stellte ich fest, dass ich unbemerkt diese Fähigkeit erlernt hatte! Jetzt arbeitete ich selbst so. Ich staunte! Fähigkeiten, die ich bei anderen verehrt hatte, waren einfach in mir gewachsen, ohne dass ich es bemerkte.

Später las ich bei Rudolf Steiner, dass Verehrung und Dankbarkeit Nahrung für die Seele seien. Das leuchtete mir sofort ein. Und für alles Weitere, was ich zu lernen hatte und habe, stellte ich den Grundsatz für mich auf, dass ich die Sache so zu drehen und zu wenden habe, bis ich den „Anpack“ gefunden habe, der mich auf diese Weise mit ihr verbindet.

Im Hinblick auf das Leben mit Kindern ist eins klar: Dass sie uns wahrnehmen! Vollumfänglich. Und, bestimmt ist das schwer, aber darum ist es ja auch eine Kunst, unser Leben, ob im Kindergarten oder in der Familie, so zu wenden und zu drehen, dass wir WOLLEN, was wir tun, das ist das Zaubermittel für die Erziehung. Das Kind erlebt an uns, dass es schön ist, auf diese Weise mit der Welt umzugehen!

… und die Welt ist groß.