Als ich vor vier Jahren anfing im Waldorfkindergarten zu arbeiten, stellte sich für mich die Frage, was ich praktisch TUN muss, um eine Gruppe von vier bis zehn Kinder zwischen drei und sechs Jahren friedlich durch den Nachmittag zu führen? Es sollte ein schönes Gemeinschaftserlebnis für ALLE werden, AUCH für mich! Wie macht man das?

Nachdem mich die Kinder sehr freundlich aufgenommen hatten, folgte schon bald darauf ihr Test. Das sind die Prüfungsfragen: Wo sind Deine Grenzen? Meinst Du auch, was Du sagst? Siehst Du mich und hast mich lieb?

Geeignet für Tests sind alle Situationen, in denen ich etwas von ihnen will, sei es, dass sie Aufräumen, sich die Straßenkleidung anziehen, Hände waschen oder wir eine gemütliche Essensrunde sein sollen…

Eben waren wir noch so schön miteinander verbunden bis zum Übergang zur nächsten Tätigkeit. Sie weigerten sich aufzuräumen. Im Flur sprangen sie auf die Bänke, rannten wild durcheinander, schrien freudig dabei, warfen ihre Gummistiefel umher und alle fanden das herrlich. Im Bad fing einer an zu johlen und mit Wasser zu spritzen, was die Kleinen sofort mit Begeisterung aufgriffen. Am Tisch genügte es, wenn nur ein Kind demonstrativ seine Teilnahme verweigerte, einen Affen imitierte, der sich auf dem Kopf und unter der Achsel krault oder sich auf den Brustkorb trommelt und dabei die Augen verdreht. Er hatte die Lacher auf seiner Seite und die anderen Kinder steigen unmittelbar darauf ein.

Erstaunlich war die Reaktion der Kinder, wenn eine Kollegin in solch einer Situation den Raum betrat. Beschämt blickten sie zu Boden, wurden Lamm-fromm, als sei nie etwas Außergewöhnliches gewesen. Die Kollegin musste nicht einmal etwas sagen! Allein ihre Gegenwart und ein erstaunter Blick reichten aus, dass die Mäuse nicht mehr auf den Tischen tanzten…

Sehr attraktiv! Dahin wollte ich auch kommen! Ich machte mich an die Forschungsarbeit, berichtete meiner Kollegin täglich von meinen Erlebnissen und erfuhr, wie sie mit ihnen umging und übte jeden Tag.

Der erste goldene Schlüssel, den ich bekam war dieser: Deine Arbeit besteht darin, in Deiner Mitte zu sein. Lass Dich von nichts aus Deiner Mitte bringen! Bleibe in Deiner Gelassenheit und falle dort, was auch kommen möge, nicht heraus!

Dort war ich natürlich herausgefallen. Ich war gestresst, überfordert, persönlich gekränkt, empört, fühlte mich schuldig (weil ich es nicht besser konnte) und schämte mich auch ein bisschen. Ich machte mir und den Kindern innerlich Vorwürfe.

Der zweite goldene Schlüssel war dieser: Es kommt nur, und immer nur, auf die Begegnung an, alles andere ist nebensächlich!

Ganz gewiss! Gerade das war ja das Schwierige. Die Kinder verwirrten mich in diesen Situationen, ich wusste a) nicht genau, wie die Handlungen in den Übergängen so ablaufen müssen, dass sie geschmeidig und kindgerecht sind und b) wie ich auf angemessene Weise die Regie-Anweisungen geben kann. Dass ich an die Kinder sprachlich nicht wie an Erwachsene herantreten kann, empfand ich deutlich. Ich musste mir über die adäquate Haltung bewusst werden, aus der heraus sich dann auch die gute Sprache entwickeln würde.

Das waren meine Entdeckungen:

  1. Wir sind eine Gemeinschaft. Es soll ALLEN gut gehen. Es ist meine Aufgabe, störendes Verhalten zu unterbinden, sobald es sich abzeichnet.
  2. Alle Tätigkeiten, die sich mit dem ersten Prinzip vereinbaren lassen, haben ihren Platz im Tagesablauf (Rennen, Albern, Wasserspiel). Ich bin für die Gestaltung der Übergänge (Spielen – Aufräumen – Bad – Esstisch) und die Wahl des Zeitpunkt zuständig. Ich habe die Verantwortung, das steht nicht zur Diskussion.
  3. Die Kinder lieben es, wenn ich ihnen meine echte ungeteilte Aufmerksamkeit schenke. Sie werden ruhig, aufmerksam, freudig. Also will ich unsere Zeit so einzurichten, dass Raum für Begegnung entsteht.
  4. Alle Kinder schauen zu den großen Kindern auf und wollen selbst groß sein. Wie wollen das machen, was die Großen schon machen (können/dürfen).
  5. Alle Kinder wollen Teil der Gemeinschaft sein.
  6. Kinder wollen helfen!
  7. Kinder sind empfänglich für Schönes, wollen und können sich ihm ganz hingeben. Dafür, dass der Rahmen dafür entsteht, bin ich verantwortlich.
  8. Kinder lassen sich aus einer friedlich-freudigen und zugewandten Verbindung gerne führen. Sie brauchen die Führung auch. Sie in Entscheidungssituationen alleine zu lassen führt schnell zu Überforderung und Unleidlichkeit.
  9. Es tut Kindern gut, wenn sie (nonverbal) erleben, dass ich weiß, was gut für sie ist.
  10. Ich kann die Kinder mit meiner Aufmerksamkeit führen: Klick.
  11. Ich kann, die Aufmerksamkeit der Kinder mit Geschichten einfangen.
  12. Die Aufmerksamkeit der Kinder kann ich bündeln, indem ich mich mit Hingabe einer Aufgabe zuwende.
  13. Kinder sind an Aktivität interessiert. Darüber kann ich ihre Aufmerksamkeit lenken: „Schau mal, da schleicht eine Katze!“
  14. Was ich von den Kinder will, muss ich zuerst tun – sie steigen dann bei mir ein. Wenn ich will, dass sie ruhig und friedlich werden, muss ich mich innerlich zuerst ruhig und friedlich machen. Es gilt der Grundsatz: Die Kindern ziehen, nicht schieben.