Vom „TRIPEL P“ habe ich das erste mal in den USA gehört.

Kennen Sie das? Sie wissen genau, wie das Ergebnis einer Aktion, die Sie sich zur Aufgabe gemacht haben, auszusehen hat: P E R F E K T I O N ! Und dann schieben Sie diese Aufgabe erst nur von jetzt auf gleich, dann auf das Wochenende, den nächsten Monat. P R O K R A S T I N I E R E N immer weiter. Am Tag vor der Frist wird die Sache dann gemacht…

Was ist da los? Was ist passiert? Mit jeder aufgeschobenen Minute ist der Widerstand gegen diese Aufgabe exponentiell gewachsen. Oder bin ich geschrumpft? Wir fühlen uns schon matt, wissen nicht (mehr) ganz genau warum… Das Leben ist anstrengend und schwer. Selbstmitleid mischt sich dazu. Die Freude schwindet. Die Farben des Lebens verblassen. Von Genuss irgendeiner Art kann schon lange nicht mehr die Rede sein… P A R A L Y S E!

Was bringt den Wendepunkt? Will ich wirklich bis an mein Lebensende zu allem gezwungen werden? Wann werde ich bereit? Und was hindert mich daran, von Anfang an bereit zu sein?

Nach meiner Untersuchung ist es schlicht Angst. Angst vor den Folgen, wenn etwas bei dem Prozess herauskommt, das ich vorher noch nicht kenne. Angst zu versagen. Vorhaltungen gemacht zu bekommen… Obwohl es doch eigentlich kaum ein schöneres Gefühl gibt, als vor etwas zu stehen, das man selbst gemacht oder bewirkt hat! Das strahlende Gefühl, wenn man selbst schöpferisch wird! Trotzdem versucht die Angst einen zu packen!

Was bringt den Wendepunkt? Mein Entschluss. Ich kann ihn herbei führen! Ich kann das Müssen raus werfen. Es los lassen. Und mit ihm, dem Loslassen, schwindet die Perfektion. Und ich werde frei, es von mir aus tun zu können. Nicht nach den Vorgaben der Perfektion, sondern einfach nach Vorgaben meiner Möglichkeiten im Hier und Jetzt. Einfach anzufangen und willig zu sein, dem Weg zu vertrauen.

Hoffnung gesellt sich dann ganz von selbst dazu. Und mit dem Entschluss es einfach anzugehen, wächst auch der Mut! Vertrauensmut. Dass, wenn ich mich ernst nehme und die Schritte tue, die ich für die Sache als notwendig erkennen kann, mir Hilfe von der Zukunft entgegenkommt und mich den richtigen Weg führt. Und dass jedes, auf diese Weise gewonnene Ergebnis, seinen goldenen Wert hat. Nicht durch mich, sondern durch sich selbst. Ich habe dann nur dazu beigetragen mit meinen Mitteln. So eine Art der Arbeit kann dann beglücken.


Ich bin mir sicher, dass wir Kindern eine Hilfe gegen diese Angst mit auf den Weg geben können, wenn wir sie ihre Selbstwirksamkeit erleben lassen. Das tun wir, wenn wir sie dazu veranlassen, möglichst viel mit ihren Gliedmaßen  selbst zu machen. Sie mit ihren Händen und Beinen in alle möglichen Prozesse des Alltags mit einzuspannen in einem Beziehungsraum mit uns: Dann bitten wir sie, uns das Kehrblech zu holen und danken es ihnen. Sie dürfen die Herdplatte für uns anstellen. Uns rasch das Glas holen, wenn wir auf eine Spinne gestoßen sind, die es einzufangen und nach draußen zu entlassen gilt. WIR machen das. Zusammen. Sind ein Team.

Ich lasse mir im Kindergarten bei fast jedem Handschlag von den Kindern helfen. Ich beziehe sie ein in das, was ich für die Gemeinschaft tue: Tischdecken, Abräumen, Stühlchen hochstellen, Licht an- oder ausmachen, etwas zurück an seinen Platz bringen uvm.

Das ist wunderbar. Sie wollen einbezogen sein. Sie wollen helfen. Sie wollen von mir gesehen werden und genießen mein Zutrauen. Dabei finden so viele kleine beiläufige aber persönliche und freundlich-freudig und humorvolle Situationen statt.

Sie werden gerne von mir angesprochen. Ich wende mich ihnen ganz persönlich zu. Wir schauen uns an. Und sie erleben eine bittende Frage an sich gerichtet. An SICH. SIE werden gefragt, ob sie etwas TUN könnten, BITTE. Das ist schon was!

  • Ich wende mich vertrauensvoll an ein Kind: „Lydia, würdest Du mir bitte die Marmelade reichen?“ und danke es ihr: „Vielen Dank!“
  • „Marie, könntest Du heute für uns den Tisch abwischen?“, dann mit einem lachenden Herzen und einem Gefühl von Stolz und Dankbarkeit „Danke Marie, dass Du den Tisch abgewischt hast!“
  • Gespielt empört: „Oh, schau mal Robin, da liegen ja Nudeln unter dem Tisch. Sollen die da sein? Hol‘ doch bitte das Kehrblech und den Handfeger, wir bringen sie zum Mülleimer.“, Nach getaner Arbeit „So! Unter dem Tisch haben Nudeln nun wirklich nichts zu suchen!“ Ich lächele das Kind an. Das Kind strahlt. Wir haben die Welt wieder in Ordnung gebracht.
  • „Oh je, was für ein Knoten! Jakob, kannst Du der Sylvia helfen? Wenn’s gar nicht klappt, dann helfe ich Euch.“
  • „Jetzt ist unsere Butter leer… Miro, sei so lieb, schau doch bitte in der Küche, ob im Kühlschrank noch eine ist. Schau auch in der Kühlschranktür nach. Sie ist in einer blauen Verpackung.“

Wie stolz die Kinder sind, wenn sie aus der Gruppe aus(er)wählt sind, eine Aufgabe zu übernehmen! Und wie sie unter meinem Dank vor den Augen der anderen innerlich wachsen und strahlen. In ihrer Stimmung drückt sich ihr Selbstgefühl deutlich aus: Ich bin groß. Und ich kann was. Frau Ebbing weiß das ganz genau, dass ich groß bin und was kann! Und bei schwierigen Sachen bin ich auch nicht alleine.

Ist das nicht ein Geschenk, Kindern auf diese Weise ein Helfer sein zu können?! Ihnen darin behilflich zu sein, ihr bewusstes gutes Selbstgefühl aufzubauen? Und an uns zu erleben, wie man’s macht? Was das Leben gerade verlangt?

Die Kinder werden dabei so zugewandt und aufmerksam, fröhlich und guter Dinge.

Wenn man als Kind 1000-fach diese Erfahrung macht, dass einem etwas zugetraut wird und man Dinge durchgeführt, selber, es eine Freude ist – und man um Hilfe bitten kann, ist das nicht eine Stärkung für den Mut und das Vertrauen, die Aufgaben im späteren Leben einfach anzugehen?