Es war vor dreieinviertel Jahren. Sonniger Frühling, aber noch kalt. Ich sitze auf der niedrigen Garderobenbank im Flur unseres Kindergartens und ziehe meine Straßenkleidung an. Wir wollen raus gehen.

Ein fünfjähriges Mädchen, warm eingepackt, geht zur Tür, aber auf Socken. Sie will so raus. Sie hat Freude am Extremen. Sie ist hungrig nach Grenzerfahrungen. Wenn es nicht das Socken-Erlebnis werden kann, dann scheut sie auch einen Machtkampf nicht! Sie ist mutig, willensstark! Ist selbstbewusst. Sie will Begegnung. Sie hat eine kräftige Stärke in sich. Und Freude! So viel Freude und Fantasie! Daran pack ich Dich. Sie greift zur Türklinke.

Edle Dame  rufe ich aus, so etwas habe ich ja noch nie gesehen! Sie hält inne und schaut mich erwartungsvoll an. Deine Schuhe…! Ich staune… Ich kann sie nicht sehen! Sie sind ja unsichtbar…?! Sie schaut auf ihre Füße… und ruft: Ja, sie sind unsichtbar! …sind es solche, die man sichtbar zaubern kann? Sie kommt zu mir gelaufen. Strahlt mich an: Ja! Aber Du musst die Augen zumachen. So? Aha! Dann werde ich wohl einen Zauberspruch hören… Nein! Keinen Zauberspruch! …die Bewegungen sind der Zauberspruch!

Was bist Du für ein weiser Mensch, mein liebes Kind! Mein Herz ist voller JA.

Sie geht zu ihrem Garderobenplatz. Ich mache die Augen zu, warte: B E Z I E H U N G. Dann steht sie wieder vor mir: Du kannst die Augen aufmachen! Ich öffne die Augen. Schaue ihr ernst, ganz ernst in die Augen. Hier geht es um was! Langsam, ganz langsam, neige ich den Kopf nach unten, halte den Blick: B E G E G N U N G. Hast Du wirklich magische Kräfte? Dann, der Spannungsbogen ist auf’s äußerste gedehnt, schaue ich auf ihre Füße. Na!!! Rufe ich. Was!!! Sichtbar!!! Du hast sie tatsächlich sichtbar gezaubert! Es hat mir die Sprache verschlagen! Sie kann wirklich zaubern! Strahlend springt sie zur Tür und hinaus in den Garten. Heute haben wir ein Herzensband geknüpft.