Wenn kleine Kinder ohne erklärende Worte lernen (siehe hier, Nonverbale Erziehung), sondern durch die Nachahmung ihrer Eltern und Bezugspersonen, welche Schlussfolgerungen können wir für den Umgang mit ihnen daraus ziehen?

Darum ging es in der zweiten pädagogischen Telefonkonferenz. Eine erzieherische Antwort auf die Frage ist das Vorleben. Die Kinder orientieren sich an uns. Sie machen uns zu ihrem Vorbild und ahmen uns mit ihrem ganzen WESEN nach. Das können wir uns für ihre Erziehung zu Nutze machen.

Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen

Im Folgenden werde ich auf einen grundlegenden Unterschied in den Ausgangsvoraussetzungen von Erwachsenen und Kindern eingehen.

Worin unterscheiden wir uns maßgeblich?

Ein Aspekt liegt darin, wie wir die uns umgebende Welt erleben. Während wir Erwachsenen sie gedanklich erleben, erlebt das Kind sie in ihren sinnlich-übersinnlichen Qualitäten. Das soll heißen, dass der Erwachsene sich im Laufe seines Lebens Begriffe gebildet hat für die Erscheinungen, die er wahrnimmt. Er sieht hin auf die Erscheinung und fügt sofort den Begriff hinzu: Löwenzahn! Gewitter! Frost! Der Augenblick des Wahrnehmens der Erscheinung ist kurz und wird direkt mit einem Begriff versehen. Wir leben mit unserer Seele in den Begriffen.

Beim Kind ist diese Gewichtung anders herum. Es hat noch keine Begriffe. Es entwickelt sie erst. (Beispiele finden Sie hier). Es hält sich in den Wahrnehmungen der Erscheinungen auf und beginnt erst langsam Begriffe für sie zu bilden. Wenn wir schon „Löwenzahn“ geurteilt haben, ist es noch ganz hingegeben an das Gelb, die Form der Blüte, den Duft, den behaarten Stil, die gezackten Blätter… Wir sagen „Gewitter“ und das Kind lebt im schwefeligen Gelb des Lichts, empfindet den Atmosphärischen Druckunterschied, erlebt den Himmel in seinen sich wandelnden Wolkenformationen, das Zittern der Blätter, den aufkommenden Wind – und nach dem Wolkenbruch den dampfenden Asphalt. Es hält sich in den Qualitäten auf. Und nimmt unendlich viel mehr wahr, als wir. Dabei ist es diesen Erscheinungen so hingegeben, dass sie es ganz ausfüllen. Das Kind verschmilzt mit ihnen. Ist eins mit der Welt. Es hat noch keine Gedanken oder Begriffe  zwischen sie uns sich gestellt. Es ist noch verbunden mit ihnen.

Entwicklung vom Leben in den Wahrnehmung hin zum Leben in den Begriffen

Ob wir mehr in der Wahrnehmung oder mehr in den Begriffen leben, prägt unser SEINSGEFÜHL.

Während wir in der Wahrnehmung seelisch mit den Erscheinungen zusammen fließen, wir mit unserer Seele die Sache selbst werden und uns dabei völlig vergessen, aber verbunden sind, ist das Gegenteil der Fall beim Denken. Das Denken trennt uns von der Erscheinung. Schafft Distanz. Wir sind in der Lage dem Wahrgenommenen gegenüber zu treten und einen Begriff zu geben. Indem wir erkennen, sind wir aus dem Erlebnis des Wahrnehmens hinaus. Dafür kommt hinzu, dass wir uns unserer selbst bewusst werden. Wir sind ein Subjekt. Wir stehen dem Objekt gegenüber.

Eine Schulung für den Erwachsenen kann es sein, eine Instanz in sich auszubilden, die sich selbst sowohl beim Wahrnehmen, als auch bei der Erkenntnis zuzuschauen kann.

Wahrnehmung + Denken = Erkenntnis der Wirklichkeit (bzw. Irrtum, wenn der Gedanke nicht wirklichkeitsgemäß ist.)

Der Entwicklungsweg des kleinen Kindes bis zur Schulreife kann verstanden werden, als eine Entwicklung vom Leben in den Wahrnehmung hin zum Leben in den Begriffen.

Welche Schlüsse können wir für die Erziehung der Kinder daraus ziehen?

Wie können wir uns nun als gedanklich operierende, selbstbewusste und uns von den Dingen getrennt erlebenden Wesen den Kindern zuwenden und ihnen zeigen, wie das Leben hier auf der Erde funktioniert, während sie Wesen sind, die an die Umgebung hingegeben sind und mit ihr zusammenfließenden?

Durch ihre Art des allumfassenden, durchdringenden Wahrnehmens, haben die Kinder eine feine Beobachtung unserer Seele! Man kann auch sagen, unserer Haltung. Dort liegt der Dreh- und Angelpunkt von dem aus wir sie erziehen können. Sie wollen das auch: Uns begegnen.  Wenn wir unseren Inneren Menschen nicht vollkommen miteinbeziehen in unsere Begegnungen mit ihnen, machen sie es uns sehr unangenehm.

Sie wollen uns begegnen. Sie sehen uns von innen. Und sie wollen erleben, dass wir echt sind. Deckungsgleich mit uns selbst. Dass Worte, Taten und innere Haltung identisch sind.

Mögliche Ansätze dorthin zukommen könnten so aussehen:

  1. Wir können lernen, unsere eigene Seele zu beobachten und zu führen.
  2. Wir können klare Vorstellungen davon bilden, wie wir als Familie oder Kindergartengemeinschaft miteinander leben wollen. Welches Verhalten bekömmlich dazu ist und welches störend. Und den Mut fassen, dafür einzustehen.
  3. Wir können Verantwortung dafür übernehmen, für die Kinder den Rahmen zu schaffen, in dem sie sich entfalten können und diesen mit unserer Haltung klar vor uns, dem Kind und der Welt zu vertreten.
  4. Wir können herausfinden, was Kinder zum Handeln motiviert und lernen, diese Eigenschaften zu ihrer Führung zu nutzen.
  5. Wir können an unserer inneren Haltung der Freude und des Vertrauens arbeiten. Sorgen und Ängste bauen sich dadurch ab und wir werden im Umgang mit Kindern empfänglich für Inspirationen.
  6. Wir können immer geschickter in Selbst- und Fremderkenntnis werden und uns und das Kind immer besser sehen lernen.
  7. Wir können uns zugestehen nicht fertig oder perfekt zu sein, eine freundliche Haltung uns selbst gegenüber einnehmen lernen und uns erlauben, selbst ein Wesen in Entwicklung zu sein! Es geht immer nur um Fortschritt, nie um Perfektion!

→Literatur Hinweis: In seinen zwei Schriften „Wahrheit und Wissenschaft“ und „Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung“ setzt Rudolf Steiner sich philosophisch mit dem Erkenntnisakt auseinander.

Siehe auch: Wahrnehmen und Denken bei Kindern
Kinderwelt – Erwachsenenwelt